Die lautesten Großstädte Deutschlands - warum diese Studie?
Mit einem irreführenden Titel machte am 20. 09. 2011 die Studie Städtelärmranking 2011 – die lautesten Großstädte Deutschlands des Fraunhofer Instituts für Bauphysik in den Medien Furore. Bundesweit war zu lesen und zu hören, Hannover sei die lauteste Stadt Deutschlands. 27 Städte wurden untersucht und die Medien beschäftigte vor allem die Frage: In welchen Großstädten leiden die Menschen am meisten unter Lärm? Aber ist das überhaupt die Frage, welche die Studie zu klären versuchte?
Der Auftraggeber GEERS– ein Hörgerätehersteller, der über seine Stiftung – die Studie in Auftrag gab, will mit der Studie zeigen, „wie stark Großstädte und damit auch die Menschen in diesen Städten von Lärm belastet sind.”
In seiner Antwort auf Fragen der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm zur Studie erklärte der Studienleiter: „Wir möchten noch hinzufügen, dass die Studie keine Lärmwirkungen, wie z.B. Schlafstörungen, gesundheitliche oder soziale Folgen bewertet. Im Vordergrund stand vielmehr der lärmexponierte urbane Lebensraum und seine Relation zu den im Mittel ruhigeren Flächen mit L DEN ; 55 dB(A). Demnach wurde weder der urbane Nachtschlaf noch die Betroffenheit in Wohngebieten hervorgehoben“.
Lärmwirkungen bewertet die Studie also nicht, aber sie soll zeigen „wie stark …. Menschen in diesen Städten von Lärm belastet sind” - in lauteren oder ruhigeren Städten. Das ist irritierend, denn “laut” und “ruhig” sind Begriffe, die Wirkungen von Lärm auf Menschen, also “Lärmwirkungen” beschreiben - “ wie z.B. Schlafstörungen, gesundheitliche oder soziale Folgen“.
Wenn der Auftraggeber vorgibt, die Studie würde zeigen, „wie stark…die Menschen vom Lärm belastet sind”, dann ist damit die Richtung vorgegeben, wie die breite Öffentlichkeit das Ergebnis verstehen soll. Diese Vorgabe eignete sich für die Medien vorzüglich. Diese lenkten den Blick auf die Menschen, die unter dem Lärm in ihrer Stadt leiden, obwohl es in der Studie gar nicht um Menschen, sondern nur um Gebiete geht. Nur vereinzelt klärten kritische Journalisten – wie Holger Dambeck - ihre Leser mit Sachverstand über die begrenzte Aussagekraft der Studie auf.
Untersuchungsmethoden zur Belastung eines Gebietes durch Lärm unterscheiden sich ganz wesentlich von Methoden, die der Untersuchung zur Belästigung von Menschen dienen. Lärmwirkungsstudien sind wesentlich komplizierter zu erstellen und sind damit sehr kostenintensiv.
In der abschließenden Zusammenfassung eines Studienberichtes wird üblicherweise darauf hingewiesen, dass sich weitere Studien lohnen würden, um das vorliegende Ergebnis detaillierter betrachten zu können. Auch in der hier betrachteten Studie fehlt dieser Hinweis nicht. Lärmwirkungsstudien werden zahlreich u.a. vom Umweltbundesamt in Auftrag gegeben. Aber halten diese, was sie behaupten? Nicht immer - was kritische Untersuchungen von Sachverständigen zuweilen belegen. Wissenschaftlicher Anspruch und “Publicity” einer Studie sind Merkmale unterschiedlicher Qualität.
Ist “Publicity” für die Geldgeber ein wesentliches Qualitätsmerkmal im Ranking der Vergabekriterien, dem gegenüber sich der wissenschaftliche Anspruch in dem einen oder anderen Fall unterzuordnen hat?
„Das Ziel der Studie bestand in der Quantifizierung des großstädtischen Flächenangebot für ruhiges urbanes Leben in Wohn- und Arbeitsbereichen, aber genauso auf Straßen und Plätzen sowie in Freizeit- und Erholungsgebieten. Sie gibt aber auch einen Hinweis bezüglich der Flächen, deren künftige Nutzung heute noch nicht feststeht, die aber für Wachstum oder Verdichtung benötigt werden könnten.”
Für die „lauteste“ Stadt, Hannover, ist das Ergebnis der Studie eine “Verfälschung”, “der Analyse fehle die Substanz “: „Hannover ist eine Großstadt mit allen damit verbundenen normalen Begleiterscheinungen“ und – nach eigenen Berechnungen - so laut wie Bremen, das – nach dem Ranking - zu den „Top Ten“ der leisesten Städte gehört. Siehe dazu den Blogbeitrag
Oktober 12th, 2011 at 13:15
Toll, wie hier Äpfel mit Birnen verglichen werden! Beispiel: Eine stark befahrene Straße führt durch eine offene Wiese. Die lärmbelastete Fläche ist groß, da dem Lärm kein Hindernis im Weg steht. Dort wohnt niemand. Auf der anderen Seite eine enge Straßenschlucht mit fünfstöckigen Häusern und mit demselben Verkehr. Die lärmbelastete Fläche ist sehr schmal, doch hier wohnen viele betroffene Personen.
Also: Die Fläche zum Vergleich zu nehmen ist völlig ungeeignet! Da war der Ansatz der EU-Umgebungslärmrichtlinie trotz aller Vorbehalte besser, denn da wurden lärmklassenweise Häuser mit Bewohnern aufaddiert. Aus diesen Plänen ließe sich leicht ein Ranking bilden: Anzahl der Personen, die nachts vor dem Fenster einem Beurteilungspegel von mehr als 60 dB(A) ausgesetzt sind, z.B.
Oktober 15th, 2011 at 10:36
Verkehrsminister Ramsauer kennt das “Spiel” mit Gutachten, wie er auf der 1. Nationalen Konferenz Güterverkehr und Logistik in Hannover mitteilte. Er warf Kritikern des Feldversuchs vor, zum Teil mit “Desinformationen” Stimmung gegen das Projekt zu machen.(In diesem Fall ging es um den Feldversuch Gigaliner: : “Es gibt jede Menge Desinformation, die hier gestreut worden ist. In den Köpfen ist das Bild von Lkw mit 60 Tonnen Gewicht und 30 Metern Länge. Da stehe ich fassungslos davor, wenn ich so etwas lese.” Quelle: dpa)
Die in einem Rechtsgutachten vorgebrachten Bedenken wies Ramsauer zurück. “Ich gehe das in großer Ruhe an”. Er kenne das “Spiel” mit Gutachten. Wenn die Gegner mit einem Gutachten von einem Professor kämen, könne man theoretisch mit drei anderen Professoren erwidern.
Siehe Bericht von Dirk Stelzl, Versuch mit langen Lkw ab Frühjahr, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 14.10.2011, Seite 11
Dieses “Spiel” kennt die DB mit ihrer Lobby bestens und benutzt es u.a. ebenfalls - mit Unterstützung des Bundesverkehrsministers - als Mittel zur Verbreitung von “Desinformationen” , vor denen dann Anlieger an Schienenwegen “fassungslos” stehen, wenn sie so etwas lesen.
Gutachten oder Studien - alles nur ein “Spiel”?
März 18th, 2012 at 16:34
Das Umweltbundesamt hat auch eine Stellungnahme zu der GEERS-Studie veröffentlicht mit dem Ergebnis: “Es ist … zu befürchten, dass die Studie der Geers-Stiftung, bei allen guten Absichten, für die Sache des Lärmschutzes mehr Schaden als Nutzen gebracht hat.“
http://www.nals.din.de/sixcms_upload/media/2614/Editorial_homepage_Nals.pdf
Mai 14th, 2012 at 22:22
Oh seien wir doch froh, dass die Prügelstrafe gesetzlich in diesem Land verboten ist.
Somit die Gutsherren (Bahn und Regierung) uns nur mit Lärm ungestraft (?) belegen können
Leider wissen wir, Lärm in besonderer Form hat viel schlimmere Folgen
als ein paar blaue Flecken auf den Allerwertesten.
Treten wir unseren gewählten Vertretern des Volkes auf die Füße.
Ich schlage eine bundesweite Internet-Unterschriftensammlung vor.
Dies rechtzeitig vor der nächsten Tagung des Verkehrsausschusses
und paralell eine E-Mail-Aktion an alle Abgeordneten von Bund und Ländern.
Erinnern wir die Regierung damit an ihre eigene Koalitionsvereinbarung.
Mit freundlichen No Lärm
Wolfgang Geißler
Mitglied der Bürgerinitiative Berlin Nord/Ost Gesund Leben an der Schiene e.V.