Einheitliche Signalsysteme auf dem Korridor Rotterdam - Genua erhöhen die Zugdichte deutlich. Hat die Umrüstung Auswirkungen auf den Bahnlärm?

Nur auf dem für den europäischen Schienen-Güterverkehr wichtigsten Korridor von Rotterdam nach Genua soll für 870 Millionen Euro ERTMS - das European Rail Traffic Management System - eingebaut werden. Da ERTMS den bestehenden Signalsystemen weit überlegen ist, lassen sich Zugdichte und Kapazität der Strecken deutlich erhöhen. Je länger die Strecke, desto konkurrenzfähiger könnte der Güterzug im Vergleich zum Lkw sein. Deshalb hat die EU verschiedene Korridore in Europa festgelegt, und die Mitgliedstaaten haben sich vor zwei Jahren verpflichtet, diese Strecken mit einer einheitlichen ERTMS Sicherheitstechnik auszurüsten:  Sie besteht aus Sicherungsinstallationen an der Strecke und entsprechenden Komponenten auf den Lokomotiven. Mit der richtigen Ausrüstung könnten die Loks ohne Halt von Schweden nach Süditalien fahren. Da ERTMS den bestehenden Signalsystemen weit überlegen ist, lassen sich Zugdichte und Kapazität der Strecken deutlich erhöhen.
Weil die Installation der zugesagten Technik auf allen vier Korridoren durch Deutschland die Bundesregierung 4,5 Milliarden Euro kosten würde, strebt Berlin jetzt preiswertere Lösungen an und verzichtet dafür sogar auf beträchtliche Kofinanzierungsmittel aus Brüssel.

Entlang der rechten Rheinhälfte liegen z.Z. Planungen für eine ESTW-Umrüstungen an den Bahnübergängen vor. Davon sind auch die im Stadtgebiet Elville befindlichen BÜs betroffen. Die Planungen sind soweit abgestimmt und die ersten Kreuzungsvereinbarungen unterzeichnet. In der aktuellen Beratung der Kreuzungsvereinbarung zum BÜ Wallufer Straße (Steinheimer Hof) kam im Magistrat die Frage auf, ob die Modernisierung der Bahnübergangssicherungen Auswirkungen auf die Geschwindigkeiten der Züge und damit auch auf den Bahnlärm allgemein haben. In der Planungsgenehmigung werden zwar Aussagen zur Umweltverträglichkeit und Landschaftsschutz getroffen, die aber lediglich die BÜ-individuelle Baumaßnahme betreffen. Man findet keine Aussagen über die Umweltverträglichkeit (insb. Lärmschutz) der gesamten ESTW-Umrüstung-Maßnahme von Wiesbaden bis Troisdorf und über Auswirkungen im Bezug auf den Bahnlärm allgemein. Vielleicht auch deswegen, weil dies keine Auswirkungen hat ?

Ihre Kenntnisse oder  Hinweise interessieren uns.

Leisere Güterzüge schaffen Platz für noch mehr Güterzüge; siehe auch   Aktuelle Notizen 26.01.11;

9 Responses to “Einheitliche Signalsysteme auf dem Korridor Rotterdam - Genua erhöhen die Zugdichte deutlich. Hat die Umrüstung Auswirkungen auf den Bahnlärm?”

  1. LER Says:

    Folgende grundsätzliche Anmerkungen hierzu:

    Ein mit Schranken gesicherter Bahnübergang unterliegt einer Fülle von Vorschriften und speziellen Sicherheitsvereinbarungen, die dem jeweiligen Stand der Technik bei der Vertragsschließung gegolten haben.

    Wird nun die vereinbarte Schrankenbetätigung von Personaleinsatz durch einen Automatischen Ablauf ersetzt, so tritt zunächst eine Änderung der ursprünglichen Vereinbarungen ein.

    Neben einer Reihe von plausiblen Gesichtspunkten bei der Beurteilung der neuen Lage ist folgender Gesichtspunkt in der Regel für die Stadt als Vertragspartner nicht erkennbar: In welcher Form und in welchem Umfang greift die, zunächst ausschließlich zum Vorteil der DB Netz veranlasst, neue Sicherheitsbetrachtung in die ursprünglich im Auge gestandenen Sicherheitsüberlegungen der Stadt und Ihrer Bürger ein.

    Eine vollkommene Übersicht über alle Rahmengesichtspunkte wird in der Regel von DB nicht gegeben, ohne diese vollständige Information als zustimmungsbestimmende Komponente für eine Einverständniserklärung ist die Erklärung des Einverständnisses der gemäß VfVwG § 74 nicht möglich.

    Begründung: Die derzeitige Regelung überträgt in einem Ereignisfall an einem Bahnübergang mit Einsatzkräften - immer - Stadt und Ihrem Bürgermeister eine jeweils zu klärende Mitschuld („Warum habt‘s das denn nicht vor der Vereinbarung gefragt und geregelt“)

    Im Sinn einer vollständigen Entlastung von dieser Verantwortung einer Entscheidung von Stadtrat und Bürgermeister wird nach den anerkannten Verfahrensregeln in Deutschland eine Risiko-Analyse durch einen fachvertrauten Gutachter erstellt. Dieser erfragt bei der DB zu seinem vertraulichen Gebrauch alle betriebstechnischen Voraussetzungen (z.B. auch Geschwindigkeiten usw.) und stellt ein Gutachten her.

    Dieses Gutachten hat folgende Grundbestandteile zu enthalten:
    · Risiko Analyse zum Bestand einzeln
    · Risiko Analyse zum Bestand , wenn Gruppen von Übergängen gemeinsam zu betrachten sind
    · Risiko Analyse zum automatisch gesteuerten Übergang
    · Risiko Betrachtung zur Gruppe
    · Vergleich der jeweiligen Risiken
    · Defizit Behandlung mit Vorschlägen zur Anpassung von Risiko - Überschreitungen bei der Automatik zur früheren Lösung.

    Dem fertigen Gutachten muss zur Entlastung von Stadtrat und Bürgermeister erkennbar sein, dass keine zusätzliche Verantwortung im Ereignisfall zu tragen ist.

    Hierbei wird auf folgende Details hingewiesen:
    · Klärung der Mindestöffnungszeit im Tagesverlauf
    · Klärung der Verantwortungskette und den Zugängen seitens der Stadt
    · Klärung der Frage: Passage von Einsatzkräften bei Einsätzen auf Tod oder Leben
    · Klärung der Maximaldauer bis zum Eintreffen von Personal zur Regelung vor Ort
    · Zuständigkeit bei Nichteinhaltung von Maximalanreisedauer, wenn durch den Dienstleister der Bahn Kosten für Dritte entstehen
    · Klärung der zukünftigen Zuständigkeiten bei der Internationali-sierung der Betriebsabwicklung im Fall von Kommunikationsbedarf mit den Zügen in der internationalen Betriebsführung

    Achtung: Auf Grund einer Vielzahl von Zwischenfällen bei Schranken vor Tunnelanlagen an unseren Autobahnen ist zwingend die Anordnung einer Not - Handbetriebseinrichtung mit Einsatz - Universalschlüssel zu fordern.

    Grundsätzlich gehen die lokal angesprochenen Probleme jedoch weit über diesen Rahmen hinaus und berühren grundlegende Rechtsbeziehungen zwischen der Republik, dem EBA und den Bundesländern.

  2. pandora Says:

    Für Bahn und Bund ist es sinnvoll, die ESTW-Umrüstung möglichst gezielt und schnell durchzuziehen - ohne Diskussionen über Lärmschutz, ohne Störpotential wie z.B. eine Umweltverträglichkeits- oder gar eine Risiko-Analyse. Bloß nicht, bloß keine Transparenz, lieber vertuschen und verschleiern, alles andere ignorieren und hoffen, dass keiner da draußen etwas merkt.
    Aber „wehret den Anfängen“ – die Ertüchtigungsmaßnahmen stellen möglicherweise für die Städte und Gemeinden entlang der Bahnstrecke eine große Chance dar, sich dem übermächtigen Tandem Bahn und Bund zu widersetzen. Denn die Bahn kann nicht – so wie sie es gewöhnt ist – ohne ihre Zustimmung tätig werden. Sie ist in der Situation, sich mit Gemeinden und Städten auf Kreuzungsvereinbarungen verständigen zu müssen.
    Warum sich Gemeinde und Städte nicht ohne weiteres auf diese Vereinbarungen, die insbesondere für die Bahnanlieger elementare Auswirkungen haben werden, soll kurz verdeutlicht werden:
    ESTW ist nur die Vorarbeit für die weitere planmäßige und umfassende Ausrüstung der Schieneninfrastruktur mit ERTMS/ETCS und schafft die dafür notwendigen technischen Rahmenbedingungen. Die vorhandenen mechanischen Stellwerke werden durch elektronische (ESTW) ersetzt. Damit wird die wesentliche technische Grundlage für ERTMS/ETCS geschaffen. Weiterhin ist vorgesehen, dass die gesamte Bahnstrecke zwischen Basel und Emmerich (durch Rheingau und Mittelrheintal rechtsrheinisch) so ausgebaut wird, dass sie auch den höheren Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Strecke (durchgehende Zweigleisigkeit etwa, Elektrifizierung, Oberbau) gerecht werden kann. Danach wird die Migration über die Fahrzeuge vorangetrieben. Das bedeutet, dass höhere Geschwindigkeiten und Zugfrequenzen mit längeren und schwereren Güterzügen möglich sein werden und auch das Ziel sind. Wer davon ausgeht, dass dabei Rücksicht auf Ortschaften genommen werden wird, dürfte wohl enttäuscht werden, da die Vermeidung von Bahnlärm und Erschütterungen für Bahn und Bund, außer in Lippenbekenntnissen, unverändert keine Rolle spielt. Bund und Bahn haben sich wunderbar darauf eingerichtet, dass die Bahnanlieger die Füße still halten und das alles über sich ergehen lassen.

  3. rüeblibueb Says:

    In der Schweiz wird ERTMS installiert, um die Züge schneller fahren zu lassen als die Lokführer auf Sicht Signale lesen können. Bei ERTMS wird dem Lokführer auf einem Monitor angezeigt, ob und mit welchem Tempo die Strecke frei (befahrbar) ist. Der Lokführer kann den Zug quasi blind (etwa bei dichtem Nebel) mit Hochgeschwindigkeit über die Trasse peitschen. Da erstaunt es, wenn die DB im Auflageprojekt Eltville unter dem Kapitel Umweltbeurteilung kein Wort über die künftig höhere Geschwindigkeit verliert
    Infos der schweizer Bundesbehörden über European Rail-Traffic Management System (ERTMS) [in der Schweiz: European Train Control System (ETCS) ] gibt es hier

  4. Lokführer Says:

    Zu den wesentlichen Vorteilen von ERTMS für die Eisenbahngesellschaften, Infrastrukturbetreiber und die Industrie zählen höhere Streckengeschwindigkeiten und kürzere Zugabstände, höhere Verkehrskapazität, verbesserte Sicherheit und eine bis zu 80% (so wird kolportiert) höhere Effizienz, höhere Umsatzmöglichkeiten für die Betreiber. ERTMS stellt somit für alle Bahnanlieger in puncto Schienenlärm 100%ig ein Nachteil dar.
    Hier finden Sie z. B. weitere Informationen zu ERTMS:

    http://www.bombardier.com/de/transportation/produkte-und-service/bahnsteuerungssysteme/ertms?docID=0901260d8001eee5

    ERTMS gilt als „innovativer Exportschlager“ und habe entscheidende Bedeutung für die mittel- bis langfristige Entwicklung der Eisenbahnindustrie und ihrer 15.000 hoch qualifizierten Arbeitnehmer. Etliche Eisenbahnunternehmen hätten sich entschieden, ihre (veralteten) Systeme durch ERTMS zu ersetzen. Lokbestellungen aus Korea, Taiwan, Indien, Saudi-Arabien und aus China sowie einige Infrastrukturprojekte in diesen Ländern zeigten klar das Marktpotenzial. ERTMS könne zum Weltstandard werden, wenn es auf einer starken Marktbasis in Europa aufbauen könnte. Dies und noch viel mehr zum Thema ist z. B. auf der folgenden Homepage nachzulesen.

    http://www.gruene-europa.de/cms/default/dok/191/191783.ertms_quer_durch_europa_in_einem_zug_sic@en.htm#ERTMS

    Zum Thema Schienenlärm auch hier übrigens kein Wort - dass er der Gesundheit der Bahnanlieger schadet, dass ihre Immobilien entwertet und ganze Landstriche unbewohnbar machen wird. Wäre ja wohl auch kontraproduktiv und vielleicht zu viel verlangt von unseren Politikern. Besonders enttäuschend allerdings, dass solches von den Grünen kommt.

  5. christian Says:

    Die Bahn weiss eben nur zu gut, dass sie zu nichts verpflichtet ist. Lärmschutzmaßnahmen muss sie doch nur ergreifen, wenn sie neu baut. Wenn sie mehr Züge auf die alten Gleise schickt, was mit ERTMS möglich sein wird, muss sie nichts tun - egal, wie laut es wird. Das nennt man Bestandsschutz und gilt auch für die Strecke durch das Mittelrheintal und den Rheingau.

  6. Dr. Dirk Windelberg Says:

    Neue Sicherheitssysteme sind nicht von vornherein lauter.
    Wenn eine Durchfahrt durch das Rheintal ohne eine Zugbremsung möglich wäre, könnte die bisherige Lärmbelastung verringert werden.
    Es wäre dennoch notwendig zu verhindern, dass durch die Einsetzung von ERTMS auf Bestandsstrecken die Anzahl der nächtlichen Güterzugvorbeifahrten und damit auch die Lärmbelastung erhöht wird.

  7. BI-Bahnlärm Mittelrhein Says:

    Ein Erdbeben hat am Montag, den 14.02.2011 viele Menschen in Hessen und Rheinland-Pfalz aufgeschreckt. Das Beben hatte die Stärke 4,4, wie das hessische Landesamt für Geologie in Wiesbaden berichtete. Beben der Stärke 4,4 sind den Angaben zufolge in der Region höchstens alle zehn Jahre zu beobachten. Erst vor knapp zwei Monaten, am 23. Dezember, hatte die Erde im Raum Mainz/Wiesbaden gebebt, allerdings weit weniger stark. Auch in Rheingau und Mittelrheintal war das Beben stark zu spüren. Viele betroffene Bürger entlang der Bahnstrecke dachten allerdings zuerst, es würde nur wieder ein schwerer Güterzug vorbeifahren – soviel zum Thema ERTMS und Erhöhung der Zugdichte ohne Rücksicht auf die Bürger. Man stellt sich doch die Frage wie es wohl erst werden wird, wenn noch längere, schwere und schnellere Güterzüge vorbei donnern. Es verwundert doch sehr, wenn die Regierung und die Bahn es als selbstverständlich erachten, dass diese Erschütterungen den Bürgern zumutbar sind. Wie sonst ist zu erklären, dass der Ausbau der Rheintalbahn zügig voran getrieben wird, die Belange wie Lärm- oder Erschütterungsschutz (zumindest in Rheingau und Mittelrheintal) dabei aber völlig außer acht gelassen werden?
    Hier eine Auswahl von Kommentaren:
    Erdbeben oder Güterzug? Auch in Eltville waren die Erschütterungen deutlich zu spüren. Als Bahnanlieger habe ich die Erschütterungen aber nicht als Erdbeben eingeordnet. Erst durch die Nachrichten wurde ich eines Besseren belehrt. So traurig es ist, aber so fühlt es sich auch an, wenn die schweren Güterzüge mit 100 km/h durch die Ortschaften fahren. Viele Bahnanlieger haben dieses beängstigende Gefühl mehrfach am Tag und besonders in der Nacht.
    Ein Erdbeben …und ich wollte schon wieder alles auf die Bahn schieben…
    Mein lieber Scholli: Und das hier in der Gegend. Zum Glück ist unser Haus untertunnelt, da hat es nur kurz “Bumm” gemacht… Erschreckend! Aber sagt mal… seit wann fährt unter Eltville eine Eisenbahn durch???! Das fragt sich euer Lo, der eine bebenfreie Zukunft wünscht.
    Erdbeben im Rhein-Main Gebiet. Ich habe zuerst gar nicht an ein Erdbeben gedacht. Es fühlte sich sehr direkt an und ich dachte zuerst gar nicht an ein Erdbeben. Man hätte auch denken können ein Zug fährt unter einem durch. Das war ja schon das dritte Beben in einer vergleichsweisen geringen Zeitspanne, hoffentlich braut sich unter uns kein Vulkan zusammen. 2012 rückt immer näher. Ein Leser aus Eltville
    Erdbeben im Rheingau: Lag oben auf der Couch als unser Haus in zwei kurzen Abständen wackelte. Ich dachte ein Zug kommt, aber nach dem zweiten Schlag war klar das dies ein Erdbeben sein muss. Habe meine Katzen geschnappt und raus aus dem Haus. Wie aber verhält man sich richtig bei einem Erdbeben und werden diese jetzt öfter kommen?

  8. Andrea Nusser Says:

    Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Ihrer Vereinigung bei der Versammlung in der Brentanoscheune 24. November 10 beigetreten. Mein Wohnort ist die Winkeler Straße in Geisenheim. Das Wohngebäude ist vom Bahndamm durch eine alte Fabrik getrennt, die mein Eigentum ist. Mir fällt seit Wochen auf, dass der Bahnlärm mehr und mehr zunimmt und die Erschütterungen immer stärker werden. Ich bin Freitag aus dem Urlaub zurückgekommen und musste mich in der ersten Nacht erst einmal wieder an den schrecklichen Lärm gewöhnen. Außerdem stellte ich fest, dass sich durch die Erschütterungen zwischenzeitlich ein Bord meiner Bibliothek gelöst hatte und die ganzen Bücher nach unten auf den Boden geflogen waren. Ich werde es fotografieren und als Dokument aufheben. Eine Resolution zu erstellen halte ich für absolut notwendig. Wir brauchen nicht zu warten bis 2016 noch mehr Züge durch den Rheingau brettern. Es ist jetzt schon nicht mehr erträglich.

    Mit kämpferischen Grüßen
    Andrea Nusser (am 7.2.11)

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